Die Kraft des Ehrenamts
Freiwilliges Engagement hat viele Formen und Gesichter – was Menschen antreibt, warum sich Engagement verändert und wie Kirche in Vierlanden darauf reagiert.
Ohne Ehrenamt würde vieles nicht stattfinden: Gottesdienste, Gemeindefeste, Kinder- und Jugendarbeit, Kirchenmusik, Besuchsdienste, Technik, Verwaltung, Öffentlichkeitsarbeit und vieles mehr. Ehrenamtliches Engagement ist das Herzstück der Kirche, auch in Vierlanden – und zugleich so vielfältig wie die Menschen, die sich einbringen.
Manche übernehmen seit Jahrzehnten Verantwortung in einem festen Team. Andere helfen bei einzelnen Veranstaltungen, bringen ihre beruflichen Fähigkeiten ein oder entwickeln neue Projekte. Manche gestalten sichtbar Gottesdienste oder Feste mit, andere wirken im Hintergrund – oft unbemerkt, aber unverzichtbar.
Gleichzeitig wird immer häufiger gefragt: Wie sieht die Zukunft des Ehrenamts aus? Finden sich in Zeiten voller Terminkalender, Personalmangel und wachsender Freizeitangebote überhaupt noch genügend Menschen, die Kirche mitgestalten möchten?
Der bundesweite Freiwilligensurvey macht Mut. Das oft beschworene Bild vom „aussterbenden Ehrenamt“ stimmt so nicht. Rund 37 Prozent der Menschen in Deutschland engagieren sich freiwillig – mit leichten Schwankungen, aber ohne langfristigen Abwärtstrend. In den letzten Jahren investieren die Menschen sogar wieder mehr Zeit und engagieren sich häufiger. Verändert hat sich vor allem Art des Engagements. Viele möchten sich heute zeitlich flexibel, selbstbestimmt und passend zu ihrer Lebensphase einbringen. Kirche gehört dabei – neben Sportvereinen, Kultur und sozialen Einrichtungen – weiterhin zu den größten Trägern freiwilligen Engagements.
Persönliche Biographe und etwas Sinnvolles zurückgeben
Was Menschen motiviert, lässt sich nicht allein mit Zahlen erklären. Hinter jedem Engagement steckt eine persönliche Geschichte.
Felix ist über das Zeltlager ganz selbstverständlich in die Gemeinde hineingewachsen. Aus einem Ferienangebot wurden die Mitarbeit im Leitungsteam, die Konfiarbeit, seine Taufe und schließlich ein Platz im Kirchengemeinderat. Seine Geschichte zeigt, was viele Studien bestätigen: Menschen engagieren sich selten, weil es gut im Lebenslauf aussieht. Viel wichtiger sind Gemeinschaft, positive Erfahrungen und die Möglichkeit, selbst Verantwortung zu übernehmen und etwas weiterzugeben.
O-Ton Felix „Mit Kirche direkt hatte das für mich damals gar nichts zu tun. Irgendwann wurde ich gefragt, ob ich im Konficamp mitarbeiten möchte. Daraus ist immer mehr geworden. Heute kann ich im Kirchengemeinderat mitentscheiden und mitgestalten. Ich möchte, dass Kinder und Jugendliche genauso tolle Angebote bekommen wie ich damals.“
Auch Marius verbindet mit seinem Engagement persönliche Erfahrung und Leidenschaft: Als Jugendlicher fand er im „Historischen Spiel“, Gemeinschaft und entdeckte seine Begeisterung für Geschichte. Heute organisiert er mit seinem Team jedes Jahr selbst die mittelalterliche Kinderfreizeit. Sein Beispiel zeigt, wie wichtig Freiräume für Ehrenamtliche sind. Wo Menschen Ideen entwickeln, Verantwortung übernehmen und kreativ arbeiten dürfen, entstehen lebendige und vielfältige Angebote.
O-Ton Marius „Ich möchte Kindern das Zugehörigkeitsgefühl schenken, das ich damals gefunden habe. In einer Zeit, in der ich nicht viele Freunde hatte und es in der Schule schwer war, habe ich Gemeinschaft gefunden – und meine Leidenschaft für Geschichte entdeckt. Beides trägt mich bis heute in der Arbeit im Histo-Team.“
Ehrenamt stärkt das Netzwerk in der Region
Eine Entwicklung fällt dabei besonders auf: Ehrenamt findet oft nicht nur an einem Ort statt. Viele Menschen, die sich in unseren Gemeinden engagieren - engagieren sich auch in anderen Bereichen.
So auch Thorsten: Für die Kirche organisiert er zum Beispiel Projekte für Kinder- und Jugendliche in Altengamme. Gleichzeitig ist er Elternsprecher an der Grundschule seines Sohnes und bringt sich im Sportverein als Fußballtrainer der Kindermannschaft ein. Für ihn gehören diese Bereiche selbstverständlich zusammen.
Kirche, Schule und Sportverein sind Orte, an denen Kinder Freundschaften schließen, Erwachsene Verantwortung übernehmen und Gemeinschaft entsteht. Wer sich dort engagiert, stärkt nicht nur eine einzelne Institution, sondern das Miteinander in der Region. Dieses vernetzte Engagement prägt viele Menschen heute stärker als die klassische Bindung an nur einen Verein oder eine Organisation.
O-Ton Thorsten „Das passt einfach, weil ich einen Sohn im Grundschulalter habe. Kirche, Schule und Sportverein sind für mich alles wichtige Player, die das Leben von Kindern wie Erwachsenen in der Gemeinde prägen.“
Engagement verändert sich
Die Bereitschaft, sich für andere einzusetzen, ist also keineswegs verschwunden. Trotzdem verändert sich die Form des Engagements.
Besonders zeitintensive Leitungsaufgaben lassen sich heute schwerer besetzen als früher. Gleichzeitig engagieren sich viele Menschen projektbezogen, zeitlich begrenzt oder in selbstorganisierten Teams. Das bedeutet nicht, dass Menschen weniger helfen möchten – vielmehr soll das Ehrenamt zur eigenen Lebenssituation passen.
Michal bleibt zwischen Familie und Beruf wenig Zeit für regelmäßige Termine. Trotzdem hat sie Lust, mitzugestalten. Über die Krabbelgruppe fand sie ihren Platz in der Gemeinde. Und die Möglichkeit, sich projektbezogen einzubringen: Sie stellte eine Kleidertauschbörse auf die Beine und arbeitet momentan bei der Vorbereitung der Wohnzimmerkirche mit. So kann sie die Themen einbringen, die ihr wichtig sind: Räume schaffen, in denen sich alle willkommen fühlen, und sich für mehr Nachhaltigkeit einsetzen.
O-Ton Michal „Mit einem kleinen Kind und einem Job bin ich dankbar für Möglichkeiten, mich projektbezogen zu engagieren. So kann ich die Themen, die mich bewegen, einbringen: Ich wünsche mir Gottesdienste, die einen sicheren Raum für alle eröffnen und Angebote, die unsere Kirche nachhaltiger machen.“
Dass sich Engagement im Laufe des Lebens verändert, zeigt auch Silke. Als Jugendliche wirkte sie in Vereinen mit, mit der Gründung der Familie blieb weniger Zeit fürs Ehrenamt. Über die Konfirmandenzeit ihrer Kinder kam sie wieder mehr mit Kirche in Kontakt. Heute engagiert sie sich im Kirchengemeinderat in Kirchwerder, leitet das Seniorenteam und unterstützt projektbezogen viele Einzelveranstaltungen. Für sie steht die Begegnung mit Menschen im Mittelpunkt. Gerade in der Seniorenarbeit erlebt sie immer wieder, wie wertvoll gemeinsame Zeit, Gespräche und vertraute Lieder gegen Einsamkeit wirken können.
O-Ton Silke „Während Corona habe ich an meinem Vater und seinem Umfeld erlebt, wie schnell ältere Menschen einsam werden können. Wenn wir gemeinsam singen, erzählen verbindet mich das mit meiner Kindheit. Und wenn dann am Ende alle mit einem Lächeln nach Hause gehen, bin ich glücklich.“
Was Ehrenamt heute braucht
Die Geschichten zeigen: Es gibt nicht den einen Weg ins Ehrenamt. Oft spielt der Kontakt über die eigene Familie eine Rolle. Aber Menschen engagieren sich je nach Lebensphase, Interessen und Begabungen ganz unterschiedlich. Umso wichtiger ist es, passende Möglichkeiten anzubieten.
Dazu gehört auch, kirchliche Strukturen weiterzuentwickeln. Wo Ehrenamtliche vor allem durch komplexe Verwaltungsaufgaben, rechtliche Vorgaben oder organisatorische Pflichten gebunden werden, bleibt weniger Raum für das, was viele Menschen heute motiviert: Ideen einzubringen, Gemeinschaft zu gestalten und sich zeitlich flexibel zu engagieren. Verwaltung und Organisation müssen deshalb so gestaltet werden, dass sie Engagement ermöglichen – nicht unnötig erschweren.
Nicht nur die jüngeren Generationen wünschen sich Transparenz über Zeitaufwand und Aufgaben, gute Begleitung, Fortbildungen und echte Mitgestaltung. Wer weiß, worauf er oder sie sich einlässt, kann bewusst Ja sagen – oder auch einmal Nein. Gerade für Menschen, die neu dazukommen, sind Orientierung und unkomplizierte Zugänge entscheidend.
Deshalb entsteht derzeit auf unserer Website ein neues Ehrenamtsportal. Dort werden die vielfältigen Möglichkeiten sichtbar, sich in der Kirche in Vierlanden einzubringen. Gleichzeitig können Gruppen und Projekte unkompliziert Mitstreiterinnen und Mitstreiter finden. So möchten wir Menschen zusammenbringen und es leichter machen, genau das Engagement zu finden, das zu den eigenen Interessen, Fähigkeiten und zum verfügbaren Zeitbudget passt.
Danke!
Eines bleibt bei allen Veränderungen gleich: Freiwilliges Engagement verdient Wertschätzung.
Deshalb möchten wir allen Ehrenamtlichen der Kirche in Vierlanden von Herzen Danke sagen. Danke für Ihre Zeit, Ihre Ideen, Ihre Geduld und Ihr Herzblut. Ob sichtbar oder im Hintergrund, regelmäßig oder projektbezogen – Ihr Einsatz macht unsere Gemeinden lebendig. Ein besonderer Dank gilt auch den vielen Ehrenamtlichen, die in den Kirchengemeinderäten und anderen Leitungsaufgaben Verantwortung übernehmen. Sie investieren oft viele Stunden in Sitzungen, Entscheidungen und organisatorische Aufgaben, die kaum sichtbar sind, aber das Fundament für das Gemeindeleben bilden. Ohne diese Bereitschaft, auch anspruchsvolle und manchmal mühsame Verantwortung zu tragen, wäre vieles nicht möglich.
Uns ist bewusst: Ein Dankeschön oder ein Ehrenamtsfest allein reichen dafür nicht aus. Wertschätzung zeigt sich vor allem im Alltag – in guter Begleitung, Fortbildungen, ehrlichem Feedback, Mitgestaltungsmöglichkeiten und darin, dass Engagement sichtbar wird und etwas bewirken kann. Dazu gehört auch, die vielen Hauptamtlichen zu würdigen, die sich weit über ihre eigentliche Arbeitszeit hinaus engagieren. Haupt- und Ehrenamt arbeiten Hand in Hand. Gemeinsam gestalten sie das vielfältige Leben unserer Kirche.
Vielleicht fragen Sie sich schon länger, wo Sie sich einbringen könnten. Vielleicht haben Sie eine Idee, die bisher noch niemand umgesetzt hat. Oder Sie möchten unsere Arbeit durch eine Spende unterstützen, wenn Zeit gerade knapp ist. Dann sprechen Sie uns gerne an oder schauen Sie in unser neues Ehrenamtsportal.
Und noch etwas ist uns wichtig: Das Ehrenamt in Vierlanden soll sich weiterentwickeln. Deshalb freuen wir uns über Lob, Kritik und Verbesserungsvorschläge. Was läuft schon gut? Wo können wir Ehrenamtliche noch besser unterstützen? Kommen Sie gern mit uns ins Gespräch – denn es ist die Kraft Ihres Engagements, es sind Ihre Ideen, Begabungen und Erfahrungen, die Kirche auch in Zukunft lebendig machen.

Infobox

Interview mit Matthias Pregla vom Institut für Engagementförderung
Matthias Pregla ist Referent am Institut für Engagementförderung im Kirchenkreis Hamburg-Ost. Seine langjährige Ausbildung und Erfahrung in verschiedenen Bereichen der Ehrenamts-Koordination und des Freiwilligenmanagement bringt er dort bei der Entwicklung und Verantwortung von Forbildungsangeboten ein. Immer mit dem Ziel, Engagementförderung fachlich gut gegründet und praxisnah zu vermitteln.
Was sind aus ihrer Sicht Säulen für die Förderung von Ehrenamt/freiwilligem Engagement? Gibt es aus ihrer Praxis ein „Erfolgsmodell“, an dem man sich orientieren kann?
Das Entscheidende ist, nicht allein von den in der Gemeinde bestehenden Aufgaben her zu denken. Es ist zwar richtig und sinnvoll, Aufgaben zu beschreiben und klar zu kommunizieren. Eine wirkliche Ehrenamts-Förderung weitet den Blick aber noch einmal deutlich: Die Motive und Interessen der Menschen im Gemeindeumfeld werden in ihrer Unterschiedlichkeit wahrgenommen und möglichst berücksichtigt. Viele Menschen wollen zum Beispiel kein Dauer-Engagement. Andere können sich das durchaus vorstellen. Die einen wollen etwas von Grund auf gestalten und kreativ sein, die anderen wollen einfach vorgegebene Aufgaben erfüllen. Diese Differenzierungen wahrzunehmen und Ehrenamt vielfältig zu gestalten, erweist sich als entscheidende Grundbewegung für die Förderung und Weiterentwicklung von Engagement – auch in Kirchengemeinden.
Welche Entwicklungen lassen sich im ehrenamtlichen Engagement im kirchlichen Bereich beobachten?
Ich beobachte seit vielen Jahren den Wunsch in Kirchengemeinderäten, das manchmal unübersichtliche und große Feld des Ehrenamts besser in den Blick zu bekommen. Konkret heißt das beispielsweise, einen Überblick über die vielen Aufgabenfelder und engagierte Menschen zu bekommen, die Anerkennungskultur zu verbessern und Ideen für neue Engagementbereiche zu entwickeln. Mein Eindruck ist, dass vielen Gemeinden die mögliche und tatsächliche Bandbreite freiwilligen Engagements bewusster wird: Leitendes Ehrenamt im Kirchengemeinderat auf der einen Seite – rein ehrenamtlich gestaltete Projekte und Aktionen auf der anderen. Für all das eine Art Ehrenamts-Konzept und eine gemeinsame Freiwilligenkoordination aufzubauen, dieser Wunsch wird regelmäßig geäußert. Und so entstehen oft eigene Arbeitsbereiche in der Gemeinde - Gruppen aus Haupt- und Ehrenamtlichen- die für das Ehrenamt zuständig sind und die Koordination verantworten.
Wie haben sich die Bedürfnisse und Erwartungen an das ehrenamtliche Engagement in Kirchengemeinden verändert? Gibt es Unterschiede zwischen jüngerer und älterer Generation?
Der generelle Trend ist, dass Menschen bei aller Bereitschaft zur Mitarbeit gleichzeitig sehr genau fragen, was sie leisten können und was nicht. Oder umgekehrt gesagt: Oft gibt es Anforderungen, die schon formal eine schwer überwindbare Schwelle darstellen. Eigentlich Interessierte Menschen finden dann keinen Einstieg ins Engagement. Oft ist der geforderte Zeiteinsatz zu groß, manchmal ist im Vorfeld nicht klar beschrieben, welche Aufgaben erfüllt werden müssen. Viele wünschen sich Flexibilität in der Ausgestaltung ihres Engagements, die aber nicht gegeben ist. Und das ist nur bedingt eine Generationenfrage: Studien zeigen deutlich, dass es den Wunsch nach solchen niedrigschwelligen Zugängen und individuellen Möglichkeiten im Ehrenamt nicht nur in der jüngeren Generation gibt.
Was ist Ihnen wichtig zum Thema ehrenamtliches Engagement in Kirchengemeinden?
Bei allen Veränderungen, die wir als Kirche und Gemeinden gerade erleben, wird es auch weiterhin so sein: Hauptamt und Ehrenamt werden für die gemeindliche Arbeit eine große Rolle spielen und gemeinsam Kirche vor Ort und in Regionen gestalten. Ich bin davon überzeugt, dass dem Thema der gelingenden Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamt über die Jahre eine noch größere Bedeutung zuwächst. In großen Pfarrsprengeln und größer werdenden Gemeindestrukturen wird es noch mehr darauf ankommen, nach passenden Kooperationsmodellen zu fragen und diese nach innen und außen auch zu kommunizieren. Aber wie gesagt: Schon jetzt ist es zentral und hilfreich, die Verantwortungsbereiche und die Art der Zusammenarbeit in den verschiedenen Bereichen zu klären und nicht dem Zufall oder der Tagesform zu überlassen. Manche Konflikte oder Unsicherheiten lassen sich durch klares Vorgehen entschärfen oder ganz verhindern. Auch das ist Engagementförderung: Menschen verstehen, dass es in einer Gemeinde zahlreiche und unterschiedliche Möglichkeiten der Mitarbeit gibt, auch was das Zusammenwirken mit oder Unterstützt-Werden durch Hauptamtliche angeht. Kirchengemeinde ist vielseitig und kann vielseitig gedacht und gestaltet werden. Das ist eine große Chance.




