Schutz statt Scham
Als Kirche in Vierlanden wollen wir gemeinsam Verantwortung übernehmen: für ein gutes Miteinander und gegen (sexualisierte) Gewalt. Warum Schutzkonzepte dabei ein wirksames Werkzeug sein können. Von Hanna von Lingen
Schutzkonzept – das klingt abstrakt. Viele Kirchengemeinden und auch andere Organisationen legen inzwischen seitenlange Berichte mit Risikoanalysen, Sicherheitsmaßnahmen und Regeln für das Miteinander vor. In der Nordkirche ist diese Form der Auseinandersetzung mit dem Schutz vor sexuellem Missbrauch seit 2018 für alle Einrichtungen und Gemeinden verpflichtend.
Das ist eine begrüßenswerte Entwicklung. Doch allzu oft werden ausgearbeitete Konzepte anschließend in der Schublade ad acta gelegt. Ein Schutzkonzept, das nur auf dem Papier existiert, schützt jedoch nicht. Wie gelingt es also, ein solches Konzept mit Leben zu füllen?
Vom Papier in den Alltag
Um dieser Frage nachzugehen, haben sich die Vierländer Kirchengemeinden im vergangenen Jahr gemeinsam auf den Weg gemacht. Ziel ist ein lebendiges Schutzkonzept für die „Kirche in Vierlanden“. Im Fokus stehen die Konfizeit und die Teamenden-Ausbildung, die seit 2021 regional gestaltet werden. Darüber hinaus gibt es zahlreiche gemeinsame Angebote vom Krabbel- bis ins Senior:innenalter. Das macht es sinnvoll, gemeinsam zu fragen: Wie können wir Menschen besser vor (sexualisierter) Gewalt schützen?
„Natürlich gibt es keinen hundertprozentigen Schutz“, sagt Diakonin Catharina Koch. „Aber wir können eine Umgebung schaffen, die es Täter:innen so schwer wie möglich macht.“ Sie ist Mitglied einer neu eingesetzten Gruppe aus Haupt- und Ehrenamtlichen, die den Prozess steuert. Professionell begleitet wird die Gruppe von Renate Bergmann, die vielfältige Anregungen für ein lebendiges Schutzkonzept einbringt. „Entscheidend ist ein Miteinander, in dem sich jede und jeder darauf verlassen kann, dass im Alltag persönliche Grenzen gewahrt werden“, erklärt sie.
Expertin Renate Bergmann berät und begleitet die Steuerungsgruppe im Prozess zu einem Schutzkonzept der „Kirche in Vierlanden“.
Grenzfälle gemeinsam neu bewerten
Zum Auftakt lud die Steuerungsgruppe alle Haupt- und Ehrenamtlichen deshalb zu Workshops ein, die informieren und zugleich die gegenseitige Wahrnehmung schulen sollen. „Ich fand es sehr gut, dass wir aus der schweigenden Zuhörendenrolle herausgeholt und aktiv einbezogen wurden“, berichtet Ute Schmoldt-Ritter, Vorsitzende des Kirchengemeinderates Altengamme. In Kleingruppen sollten die Teilnehmenden Beispielsituationen einschätzen: Ist es in Ordnung, wenn ein Pastor einer Mitarbeiterin Komplimente über ihr Äußeres macht? Oder wenn ein Gruppenleiter mit einem Kind allein in einen Nebenraum geht? Dass dabei Unsicherheit entsteht, sei gewollt, betont. Bergmann: „Oft lässt sich nicht allgemeingültig festlegen, welches Verhalten in Ordnung ist. Entscheidend ist, ob eine Situation in einem Machtverhältnis stattfindet und dass Grenzen formulierbar sind und respektiert werden.“
Hinschauen statt Wegsehen
Warum aber ist der Austausch über unterschiedliche Wahrnehmungen und scheinbar harmlose Grenzverletzungen so wichtig? Auch darüber klären die Workshops auf. Sexualisierte Gewalt wird in den meisten Fällen planvoll verübt. Täter:innen stammen häufig aus dem nahen Umfeld und bauen über längere Zeit Vertrauen zu Betroffenen und zum sozialen Umfeld auf. Das führt dazu, dass Beobachtende wegsehen, verharmlosen oder nicht handeln – mitunter sogar dann, wenn Betroffene sich anvertrauen und Übergriffe benennen. Kirche wurde zu oft unreflektiert als sicherer Raum verstanden, so als mache Christsein per se lammfromm. Doch gerade weil Kirche ein Ort von Begegnung und Gemeinschaft sein will, trägt sie eine besondere Verantwortung: für ein Miteinander, in dem Nähe nicht ausgenutzt werden kann. „Je selbstverständlicher Grenzen geachtet werden, desto schwerer wird es für Täter:innen, sie zu verschieben“, erklärt Renate Bergmann.
Dass Grenzverletzungen als normal wahrgenommen werden, ist oft auch biografisch begründet. Petra Jansen, Sekretärin in Curslack, berichtet: „Viele Workshop-Beispiele hätten in der eigenen Kindheit vielleicht als normal gegolten, heute schaut man anders darauf.“ Renate Bergmann ergänzt, dass Erfahrungen häufig nicht thematisiert oder erst viel später als Fehl- oder sogar strafbares Verhalten erkannt wurden. Betroffene darin zu bestärken, sich unabhängig vom Zeitpunkt anzuvertrauen, ist daher ein zentraler Bestandteil des Schutzkonzeptes. Menschen sollen sich darauf verlassen können, ernst genommen zu werden.
Ein Netz, das trägt
Nicht nur die Kirchengemeinden, sondern auch andere soziale Träger in den Vierlanden setzen sich für Prävention ein. Wie schwer es Betroffenen fällt, Gehör zu finden, thematisiert auch das Theaterstück „Sasha. Bis hierhin und nicht weiter“. Mit Handpuppen erzählt das Holzwurmtheater aus Winsen die Geschichte des Jungen Sasha und ermutigt Kinder ab acht Jahren, der eigenen Grenzwahrnehmung zu vertrauen. Die Grundschule Altengamme Deich lädt die Theatergruppe regelmäßig ein. „Die Kinder sind sehr interessiert. Zum Konzept gehören aber auch ein Elternabend und Fortbildungen für das Kollegium“, berichtet Vertrauenslehrerin Maike Büttner. So würden Berührungsängste abgebaut und alle Beteiligten einbezogen. Solche Angebote können Sicherheit stärken, insbesondere wenn Kirche, Schule und Vereine gut vernetzt sind.
Auch die Möglichkeit, sich an unabhängige Stellen zu wenden, erleichtert es, Vorfälle sexualisierter Gewalt zu melden. In der Nordkirche benennt deshalb jeder Kirchenkreis eine unabhängige meldebeauftragte Person. Für den Kirchenkreis Hamburg-Ost übernimmt Jette Heinrich diese Aufgabe. „Ich biete einen geschützten Raum, um sich anzuvertrauen, Rat zu erhalten und Orientierung zu finden“, sagt sie. „Vertraulichkeit hat dabei oberste Priorität.“
Die ersten wichtigen Schritte auf dem Weg zu einem Schutzkonzept sind getan. Derzeit entwickelt die Steuerungsgruppe Fragenkataloge und Methoden, um in den verschiedenen Gruppen den Blick für Risikofaktoren zu schärfen. „Wir wollen möglichst alle Menschen einbeziehen, die in unseren Gemeinden aktiv sind“, betont Catharina Koch. Gemeinsame Verantwortung legt den Grundstein für ein Schutzkonzept, das ein wirksames Instrument gegen sexualisierte Gewalt und zugleich eine Bereicherung für das Miteinander in der „Kirche in Vierlanden“ sein soll. Damit wird deutlich, dass Schutzkonzepte keine einmalige Maßnahme sind, sondern einen fortlaufenden Prozess beschreiben, der Aufmerksamkeit, Austausch und Bereitschaft zur Selbstreflexion erfordert. Sie leben davon, regelmäßig überprüft, weiterentwickelt und im Alltag praktisch umgesetzt zu werden, um allen Beteiligten Sicherheit und Orientierung zu geben. /HvL
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Die unabhängige Meldebeauftragte im Kirchenkreis
Jette Heinrich ist unabhängige Meldebeauftragte des Kirchenkreises Hamburg-Ost. Gemeinsam mit zwei Kolleg:innen der „Fachstelle Intervention und Prävention“ soll sie gewährleisten, dass alle Fälle sexualisierter Gewalt in den Kirchenkreisen bearbeitet werden. Wir haben sie gefragt:
Was macht eigentlich eine Meldebeauftragte?
„Als Meldebeauftragte bin ich die erste Ansprechperson bei Verdacht auf und Vorfällen von sexualisierter Gewalt (Grebzverletzungen, Übergriffe, strafrechtlich relevante Formen von Gewalt). Ich biete einen geschützten Raum sich anvertrauen zu können, Rat zu bekommen undOrientierung zu finden. Ich nehme Meldungen betroffener oder anvertrauter Personen entgegen und kläre diese über ihre Möglichkeiten und Rechte innerhalb eines Verfahrens auf. Betroffene Einrichtungen und Kirchengemeinden begleite ich bis zum Abschluss eines Verfahrens.“
Was bedeutet es, dass sie unabhängig sind?
Ich kann unabhängig von kirchlichen Hierarchien agieren, weil es meinerseits keine Rückmeldepflicht an Leitungen oder Vorgesetzte gibt und mir gegenüber keine Weisungsbefugnis besteht. Meine Arbeit orientiert sich am Schutz und den Bedürfnissen der betroffenen Personen und den fachlichen Standards.
Wer kann sich an Sie wenden?
Zuständig bin ich für alle Einrichtungen und Gemeinden des Kirchenkreises HamburgOst mit ihren Mitarbeitenden. Jede von sexualisierter Gewalt betroffene oder jede Person, der ein Fall anvertraut wurde, oder die etwas beobachtet hat, kann sich an mich wenden. Auch in unklaren Situationen berate ich und unterstütze darin, Klarheit zu finden. Alle kirchlich Mitarbeitenden (Haupt- und Ehrenamtliche) sind dazu verpflichtet und berechtigt, Anhaltspunkte von sexualisierter Gewalt im kirchlichen Kontext zu melden und sich in unklaren Situationen beraten zu lassen.
Was ist Ihnen dabei wichtig?
Niemand soll vor meinem Titel zurückschrecken, man kann mich einfach anrufen. Für mich gilt immer: Vertraulichkeit ist oberstes Gebot. Wer sich an mich wendet, entscheidet selbst, wie es weitergeht. Auch anonyme Kontaktaufnahme über eine spezielle E-Mail-Adresse ist möglich (