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Zwischen Kirchensteuer und Sehnsucht

Was junge Erwachsene mit Kirche verbinden – und was sie bei uns finden können.
von Hanna & Moritz von Lingen

Er trägt eine Cap, ist stilsicher angezogen, aber irgendwie scheu. Ein junger Mann kommt mit seiner zweijährigen Tochter in den Gottesdienst – allein, ohne jemanden zu kennen. Nach dem Gottesdienst spricht er den Pastor an. Er habe sich vorgenommen, jetzt wieder öfter zu kommen. Für seine Tochter, sagt er. Aber auch für sich. Fast klingt es wie eine Entschuldigung.

Solche Begegnungen gehen uns nach – Ähnliches erleben wir auch bei vielen unserer Freunde, wenn es um den Kontakt mit Kirche geht. Wir sind Teil einer Generation, für die Kirche nicht mehr selbstverständlich ist. Zwischen Berufsstart und Familiengründung haben viele den Kontakt verloren. Und doch merken wir auch Interesse – an unserer Arbeit als Pastor:in, aber auch an der Kirche selbst. In Gesprächen mit jungen Erwachsenen begegnen uns Vorurteile, von denen sich zum Glück viele nicht (mehr) mit unseren Erfahrungen decken, und zugleich eine vorsichtige Neugier.

Die jüngeren Generationen sind mit dem Smartphone aufgewachsen, haben die Pandemie als prägende Erfahrung im Rücken, müssen durch eine Welt navigieren, die schneller und unberechenbarer ist als die ihrer Eltern. Ganz frisch kommt die Frage hinzu, was künstliche Intelligenz mit Beruf, Alltag und Zukunft macht. Ihre Eltern sind oft schon selbst nicht mehr in den christlichen Traditionen verwurzelt und generell war religiöse Identitätsfindung bei den meisten keine Priorität in der Kindererziehung.

Großen Institutionen begegnen viele skeptisch – die Kirche steht fast an erster Stelle. Sie hinterfragen starre Strukturen und Hierarchien, und das nicht zu unrecht.

Gleichgültig gegenüber dem, wofür Kirche eigentlich steht oder stehen sollte, sind die wenigsten. Die Studie „Jugend – Glauben – Religion" der Universität Tübingen befragte mehr als 7000 Jugendliche und junge Erwachsene – mit dem Ergebnis: Vielen ist ein selbstverantworteter Glaube, spirituelle Offenheit und die Beschäftigung mit großen Fragen wichtig, sie erfahren das in Krisen als tragend, überraschend viele beten sogar regelmäßig – gleichzeitig aber würden sich nur 22 Prozent als religiös bezeichnen."

Das alte Modell trägt nicht mehr, aber etwas bewegt sich

Lange funktionierte Kirche im Dorf nach einem eingespielten Modell: Jugend- und Seniorenarbeit an den Rändern, eine treue Kerngemeinde in der Mitte, finanziert durch Kirchensteuerzahlerinnen und -zahler in den mittleren Lebensjahren – Menschen, die solidarisch ihren Beitrag leisteten, bis sie selbst alt wurden oder Kinder bekamen, die die Angebote nutzten.

Doch dieses Modell kippt. Selbst wenn junge Menschen noch spirituelle Orientierung und Zugehörigkeit suchen, sich gerne projektbezogen engagieren oder spenden würden, finden sie all das nicht mehr in der Kirchengemeinde vor Ort – entweder, weil Kirche dort nicht so funktioniert oder weil sie gar nicht mehr in der Kirche danach suchen. Gerade Berufsanfängerinnen und Berufsanfänger, bei denen das Geld ohnehin knapp ist, fragen sich: Wofür zahle ich – wenn ich mit der Kirche nichts verbinde? Der Austritt vollzieht sich dann schleichend: Der Kontakt zur Gemeinde bricht nach der Konfirmation ab, das Leben füllt sich mit anderen Dingen, und irgendwann wird eine längst vollzogene Entfremdung nur noch formal unterschrieben.

Und doch gibt es leise Anzeichen für eine Trendwende. Zu Ostern 2025 ließen sich in Frankreich über 10.000 Erwachsene taufen – so viele wie seit zwanzig Jahren nicht, darunter vor allem 18- bis 25-Jährige. Auch in deutschen Bistümern steigen die Erwachsenentaufen, die Deutsche Bischofskonferenz spricht von einem „kleinen positiven Trend.""

Gleichzeitig ist dieser Trend mit Vorsicht zu genießen: In den evangelischen Kirchen ist er vor allem abseits der sogenannten Landeskirchen spürbar. Fundamentalistische Strömungen mit zugleich sehr jungem Image üben zunehmend eine Anziehungskraft auf junge Menschen aus. Als Kirche in Vierlanden hingegen wollen wir einer komplexen Wirklichkeit nicht begegnen, indem wir mit einem eingestaubten Bibelverständnis einfache Wahrheiten postulieren oder eine Gemeinschaft fördern, deren Zusammenhalt auf starren Grenzen gründet. Und zur Wahrheit gehört auch: Selbst wenn wir wieder mehr taufen, wird das den Strukturwandel nicht aufhalten.

Doch auch wir treffen immer wieder auf junge Erwachsene, die sich mit Herzblut engagieren – und solche, die neu dazukommen, vorsichtig, aber neugierig. So wie der junge Vater mit seiner Tochter am Sonntagmorgen.

Was also kann man bei uns finden?

Als Kirche in Vierlanden probieren wir vieles aus. Technokirche, Yoga-Andacht, Kneipengottesdienst, Pop-up-Segen und neue Glaubenskurse. All das ist Suchbewegung und Einladung zugleich. Auch im klassischen Sonntagsgottesdienst treffen wir junge Erwachsene, die bewusst wiederkommen – an einen Ort, der nichts von ihnen will. Sie müssen nur da sein, so wie sie sind.

Man muss weder religiös noch mit den christlichen Traditionen vertraut sein. Es genügt, wenn man beginnt, Fragen zu stellen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. In den uralten Geschichten und Ritualen liegt etwas Geheimnisvolles verborgen. Sie stiften Gemeinschaft, die nicht nur oberflächlich ist – und die nichts verlangt. Und dann ist da das Evangelium, das auf so viele verschiedene Arten und Weisen gehört werden kann: die Botschaft, dass jeder geliebt ist, noch bevor er oder sie irgendetwas leisten muss. Gerade für Menschen unter ständigem Optimierungsdruck und in einer bewegten Zeit ist das vielleicht wertvoller, als man denkt.

Statt einfachen Antworten wollen wir Raum geben: für Fragen und Unsicherheiten, für Gespräche über Zukunftsängste, Gerechtigkeit, Leben und Tod. Für Ehrlichkeit und Ambivalenz. Und für die Suche nach dem, was trägt. Wer darüber hinaus mitmachen und sich engagieren will, ist herzlich eingeladen – jede:r kann Verantwortung auf Zeit übernehmen und sich bei uns einbringen. Schließlich waren und sind wir nie eine Angebotskirche, sondern ein Ort, an dem die verschiedensten Menschen mit ihren vielfältigen Talenten gemeinsam das Reich Gottes anbahnen – Tag um Tag.

Rückkehr

Der junge Mann mit der Cap hat sich vorgenommen, wiederzukommen. Für seine Tochter. Aber auch für sich. Wir würden uns freuen, wenn er bei uns findet, was er sucht. Oder etwas, von dem er noch gar nicht wusste, dass es sich suchen lässt.

HvL & MvL